Web Medien-ForschungWie wurden die Kandidaten zur Bundes-Präsidentenwahl 2010 während der vorausgehenden, einmonatigen Wahlperiode, durch die Web-Community bewertet?Die erste der hier gezeigten Daten-Erhebungen zur Einschätzungslage im Web über die Reputation und Eignung denkbarer Kandidaten, erfolgte am 03.06.2010. Das war der Tag, an dem Wulff und Gauck für viele überraschend als Kandidaten, zwei Tage, nachdem von der Leyen noch als aussichtsreichste Kandidatin der Regierung in der Presse genannt worden waren, und fünf Tage, bevor der Kabarettist Georg Schramm in der ZDF-Sendung 'Neues aus der Anstalt' seine künstlerisch reflektierte Bereitschaft zur Teilnahme an der Wahl zum nächsten Bundespräsidenten verlautbarte. Die zweite Daten-Erhebung wurde knapp zwei Wochen später, am 19.06.2010, mit einer inziwschen deutlich höheren Anzahl vorhandener Bewertungen im Web durchgeführt. Die dritte Erhebung schliesslich wurde am Morgen des 30.06.2010, dem Wahltag vor Beginn der Wahlen, durchgeführt.
Die mit Schulnoten bewertete 'Reputation' umfasst die ins Web gestellten Bewertungen zu den Kandidaten, umfasst also auch ganz andere Bereiche und Kriterien als nur die der Eignung zum Bundespräsidenten. Dass in der Öffentlichkeit stehende, aktive Politiker kontroverser und, bis auf wenige Ausnahmen, auch weniger gut als ehemalige oder Nicht-Politiker eingeschätzt werden, ist eine häufig gemachte Beobachtung. Nach einem Wechsel ins Bundes-Präsidialamt ist jedoch in der Regel mit einer schnellen Verbesserung der Reputationswerte zu rechnen - gemeinhin wird dies als 'Amts-Bonus' bezeichnet. Bemerkenswert erscheint, dass im Vergleich der Zeitpunkte die Reputation der Kandidaten im Durchschnitt sank, und dass Wulff aufholte, während Gauck deutlich verlor - womit die beiden Haupt-Kandidaten in ihrer Reputation nun 10 Tage vor der Wahl im Web annähernd gleich beurteilt werden. Köhler verlor in der Zwischenzeit viel von seinem Amts-Bonus. Lammert's zunächst eher überraschend erscheinender Zuwachs an zugesprochener Reputation könnte mit seiner Nicht-Nominierung (s.u.) und insbesondere der ihm (als amtierendem Parlaments-Präsidenten) zugetrauten Überparteilichkeit im Zusammenhang stehen.
Die Tatsache, dass die einschätzende Bewertung der Eignung zum Bundespräsident zum Teil deutlich von deren Bewertung in der Reputation abweicht, deutet auf einen Sinn der WebCommunity für die Belange der Real-Politik hin. Wulff führte am 03. Juni noch die Bewertungs-Liste der hier untersuchten Kandidaten für das Amt an - und erschien damit als eine geglückte Vorauswahl durch die regierende Koalition. Bis zum zweiten Zeitpunkt jedoch verlor er in der Einschätzung der Eignung zum Amt stärker als Gauck, und so führen zum zweiten Zeitpunkt zwei nicht als Haupt-Kandidaten Genannte aus dem Kreis der Politiker die Liste an: Klose erhielt zum zweiten Zeitpunkt bemerkenswerterweise als Einziger aus dem Kreis der nicht als Haupt-Kandidaten Gehandelten auch relative 'Stimmen'-Zuwächse (siehe folgende Grafiken), womit er als ein potentieller Kandidat zukünftiger Bundespräsidenten-Wahlen aus den derzeigen Diskussionen hervorgehen könnte. Der dritte Zeitpunkt schliesslich verdichtete sich zu einem Einschätzungs- und Stimmungs-Bild, das sich nicht mehr als ein für einen einzelnen Kandidaten, sondern vielmehr als ein gegen den Kandidaten der regierenden Koalition, gerichtetes Votum interpretieren lässt. Gauck, als Alternativ-Vorschlag der SPD und Grünen, wurde zum Zeitpunkt der ersten Erhebung noch sehr viel seltener bewertet als die restlichen Politiker, da er erst an diesem Tag als Alternativ-Kandidat in die allgemeine Aufmerksamkeit rückte. Zum zweiten und dritten Zeitpunkt geniesst er bei mittlerweile vergleichbar Nennungs-Häufigkeit zwar über keine nennenswert höhere Reputation im Web mehr als Wulff, wird jedoch inzwischen als der von den Beiden besser geeignete Kandidat für das Bundes-Präsidialamt eingeschätzt.
Weitergehende FragestellungenDer Bewertungsvorsprung von Klose, dem Kabarettist Schramm, und Lammert, gegenüber dem Kandidaten der Regierung, Wulff, kann damit, nicht zu den von den politischen Parteien ausgewählten Kandidaten zu gehören, in Zusammenhang gebracht werden - wie es auch der deutliche Aufstieg der Bewertungen von Frau von der Leyen nach ihrem Ausscheiden aus der Kandidatenrunde nahe legt: sie legte deutlich in der Einschätzung der Eignung zum Präsidial-Amt zu, ungeachtet ihrer nach wie vor offenbar schwachen Web-Reputation, die wiederum im Zusamenhang mit ihrer Haltung zu den Web-Sperren ("ZensUrsula") stehen dürfte. Das sich in dieser Entwicklung abbildende Moment - dass die Tatsache einer Nominierung durch etablierte politische Parteien, mit einem Rückgang der Einschätzung zur Eignung der betreffenden Person aus der Sicht der (Web-) Öffentlichkeit, und umgekehrt herum, gleich zu setzen ist - kann auch als ein grundsätzliches, und vielleicht sogar allgemeines, Gegengewicht der sich im Web aktiv äussernden Bevölkerungsgruppen gegen die Willensbekundungen der politischen Parteien verstanden werden. Diese Schlussfolgerung stünde auch im Einklang mit bereits in früheren artebis Untersuchungen gemachten Beobachtungen zur (Un-) Zufriedenheit der (Web-) Bevölkerung mit dem Demokratie-Verständnis der Parteien. Das Verständnis dieser Beobachtungen könnte, allegemeiner ausgedrückt, auf die im Web zunehmend schneller und leichter erkennbar werdenden Diskrepanzen zwischen den Handlungsergebnissen der Parteien einerseits, und einer sich im Web mehr und mehr selbst artikulierenden Sicht der Bevölkerung andererseits, zurückgeführt werden - die wiederum selbst Ursache, wie auch die Auswirkung, eines sich verändernden Demokratieverständnisses sein und werden könnte. Was bedeutete eine solche Schlussfolgerung für die Zukunft? Die Lenkung der Politik durch spontane Meinungsäusserungen und -Bildung im Web - oder, stattdessen, die Lenkung der Bevölkerung durch Veränderungen der Informationslage im Web durch organisierte Interessensvertreter?Logisch liegt beiden dieser Gedankengängen die Bewusstwerdung der Möglichkeiten zur aktiven Steuerung der Meinungsbildungsvorgänge im Web, in sozialen Netzen, und der Unterstützung von Organisationsbildungen durch intendierte Veränderungen der Informationslage, zugrunde - und damit letztlich: die der politischen Instrumentalisierung des Webs, vergleichbar mit den Web-Aktivitäten auf dem Weg zur Wahl von Obama in den USA. Dort ist in dem Zusammenhang um die Wahrnehmung eines Kampfs, um die Meinungsführung und der Deutungshoheit im Internet, bereits der Begriff 'info-war' geprägt worden. In diesem Sinne könnte damit derzeit vielleicht auch in Deutschland die Entstehung einer, derzeit noch eher auf eine kleine, aktive "Informations-Elite" beschränkte Meinungsbildungs-, und zugleich Organisations-unterstützenden Veränderungskraft, (im Sinne einer "sechsten Gewalt", neben den Ebenen der Legislative, Judikative, Exekutive, der Presse und des Lobbyismus), sichtbar werden. Eine gesellschaftlich nicht ganz unerhebliche Frage, die sich daraus ableitet, ist, ob die damit verbundenen Möglichkeiten zur Einflussnahme eher und wirksamer von den bereits organisierten Interessensvertretern (insbesondere der "fünften Gewalt", dem Lobbyismus), oder eben eher von der "sechsten Gewalt", einer im Web erst zu organiserenden und sich organiseren könnenden, ortsungebundenen Meinungsbildung der citoyens, nicht ganz unähnlich den eher lokal organisierten Bürgerinitiativen, ergriffen werden kann und wird. Die im Web gefundenen Ergebnisse machen deweiteren deutlich, dass die in den letzten zwei Wochen vielfach in den Medien geäusserte Annahme, dass sich das Web eindeutig zugunsten des Kandidaten Gauck ausspreche (in Anlehnung an Obama, wird sogar von einer 'Gaukomania' gesprochen), sich in der Web-Forschung so weder zeigt noch belegen lässt. Tatsächlich näherten sich die Bewertungen der beiden Kandidaten, Wulff und Gauck, nach den Ergebnissen der Web-Forschung in den letzten Wochen unter dem Strich sogar an - wenngleich durchaus mit unterschiedlichen Trends: häufigeren Nennungen von Wulff zu den früheren Zeitpunkten sowie eher in den nördlichen Bundesländern, und häufigeren Nennungen von Gauck zu den späteren Zeitpunkten (ab etwa 6.Juni) sowie eher in den östlichen, neuen Bundesländern. Die gefundenen Ergebnisse der Web-Forschung lassen sich in ihrem Zusammenhang und Trend zusammengefasst, widerspruchsfrei weniger als ein Votum für Gauck, denn als Votum gegen die Regierung, zugespitzt auf ihren Kandidaten Wulff, verstehen. Die Ergebnisse verdeutlichen damit zugleich die Schwierigkeiten, einen neutralen und umfassenden Überblick im Web zu erhalten, wie auch die Auswirkungen des 'Spins', dem sowohl durchschnittliche Nutzer des Webs, wie auch Qualitäts-Journalisten, ausgesetzt sind. Anm: Interessante Gedanken dazu sind in dem Blog-Beitrag "Gauck-Hype? Welcher Gauck-Hype?" (Der Spiegelfechter) zu finden. Inhaltlich von subjektiven Gesichtspunkten weitgehend unabhängigen, weil algorithmisch arbeitenden, Werkzeugen, wie beispeilsweise der hier zur Anwendung gekommenen Web-Forschung, könnte so, neben der den Zugriff erleichternden und zeitsparenden, auch eine neutrale und informations-ordnende Rolle zukommen: die 'sechste' Gewalt könnte sich so zu einem auch von aussen einschätzbaren, zumindest informellen, Gewicht mit ihren eigenständigen Gesetzmässigkeiten herausbilden. Die hier untersuchte Frage war, wer als der best geeignte Kandidat im Web genannt wird. Die aus den Beobachtungen abgeleiteten Überlegungen und Fragestellungen können bei entsprechendem Interesse mittels der angewandten Web-Forschung überprüft und den Ausgangspunkt weiterer Untersuchungen bilden. Senden Sie bitte Ihr Feedback an: info (ät) artebis (punkt) de Die hier untersuchten Kandidaten wurden nach einer kurzen Sichtung der aktuellen Nachrichtenlage ausgewählt. Auch ein Kabarettist, bekannt aus der ZDF Satire Sendung 'Neues aus der Anstalt', Georg Schramm, wurde in Foren vielfach genannt, und zu Kontrollzwecken mit untersucht. Insgesamt wurden insgesamt mehr als 75'000 (am 03.06.) bzw. 225'000 (am 19.06.2010) Dokumente im Web ausgewertet, welche hauptsächlich den Bereichen News, Foren, Twitter und Blogs entstammen. Die 'Stimm'-Anteile verteilten sich zum Untersuchungszeitpunkt auf die Kandidaten wie folgt:
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